Ganz klar. Für Britta. Klappe die Fünfte.

von Prof. Dr. Bettina Köhler
Rede zur Einführung in die Ausstellung von Britta Hansen
"Ganz Klar. Plastische Szenerien des Alltags"
im Bunker-D der FH Kiel
09.11.2023

 


 

Liebe Britta, ich glaube, ich habe noch nie so oft neu angefangen. Oder umgeschrieben. Aus dem Fenster geschaut. Dann wieder gelesen. Dann auf Deine neuen keramischen Reliefs geschaut, besser gesagt auf Fotografien aus dem Entstehungsprozess. Und ich habe mich erinnert, wie es war, als ich die ersten neuen Arbeiten, noch ohne Glasur, ohne Farben also, gesehen habe, real, in Deinem Atelier in Preetz. Wir haben darüber gesprochen, dann bin ich wieder zurück gefahren nach Krefeld. Saß am Schreibtisch und habe neu angefangen mit dem Vortrag zur Eröffnung Deiner so schön betitelten Ausstellung "Ganz klar". Aber es war kompliziert. Warum? Deine Werke fand ich toll! Aber trotzdem wie sollte ich anfangen, wie konnte ich darüber sprechen? Länger? Fundiert? Ich habe weitergelesen. Über Kunst. Den Realismus. Die Spiegelung. Die Fotografie als Ausgangspunkt für realistische Malerei oder Skulpturen. Über das Soziale in der Kunst, die Kritik und das Anklagen, über die sozialkritische Kunst. Dann aber lese ich wieder genau das umgekehrte: dass die Kunst frei sein müsse von jedem politischen oder sozialen Auftrag, dadurch erst entstünde ihre ästhetische Kraft, die einen unmittelbar und ganz berührt. Aber was heißt das: unmittelbar und ganz? Ohne Vermittlung? Direkt? Durch welchen Kanal soll die Kunstnachricht denn laufen? Durch Meine Haut? Durch die Härchen auf der Haut, die sich aufstellen? Oder durch meine Seele, und wo ist die genau, im Sonnengeflecht? Oder wo? Geht die Berührung Deiner Kunst durch meine Augen in den Magen? Ich spüre natürlich etwas, wenn ich Deine neuen und die älteren keramischen Reliefs betrachte, oder Deine Installationen wie die Kaisers oder den super sturen Vorsitz. Ich gehe auch davon aus, dass wir uns in unserer Reaktion auf Kunstwerke gar nicht so sehr unterscheiden. Ein Publikum in einer Ausstellung teilt vieles: Gefühle, Gedanken. Aber dieser Ansicht lässt sich leicht widersprechen.

Denn die Unmittelbarkeit, die einen ja persönlich und völlig allein trifft, ist ein ganz ganz großes Ding in der Literatur über die Kunst. Sie ist ein ganz großes und sehr kompliziertes Ding und am Ende sitzt man – mit der Erwartung, eine gelungene Rede zur Ausstellungseröffnung zu schreiben – in der Sackgasse. Ich lese bei Christian Demand in seinem Buch "Die Beschämung der Philister, Wie die Kunst sich der Kritik entledigte" folgendes:

Das Fundament objektiver Erkenntnis ist und bleibt also die Anschauung. Die ästhetische Rezeptionshaltung, die dieser Tatsache und somit auch den Erkenntnisansprüchen der Kunst allein gerecht wird, ist folglich die – historisch auf die Anbetung des Kult Bildes zurückweisende – andächtige Aufmerksamkeit des westlichen Museumsbesuchers, die stumme Kontemplation, die bewegungslose Versenkung des solitären Betrachters, ein Blick, der konzentriert auf dem Gegenstand seines Interesses ruht und dabei alle anderen Außen- und Innenreize so gut es geht ausblendet. (Demand, 2003, S. 241)

Da haben wir es serviert bekommen: eine totale Absage an Kritik, Vermittlung, Deutung, Erklärung der Kunst. Erforderlich sei nur eines: Selbständigkeit in der individuellen Annäherung an Kunstwerke! Demand erinnert daran, dass Arthur Schopenhauers Philosophie wesentlich dazu beitrug, aus dem Anschauen und der einsamen Versenkung so ein großes und wichtiges Ding zu fabrizieren. Schopenhauer skandiert und fordert: „(…) unmittelbares Erkennen hingegen ist allein das Anschauen (…) Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in der ANSCHAUUNG.“ (Schopenhauer nach Demand, 2003, S. 241) Und nun kommt es zu einem weiteren Schritt in dieser sehr skeptischen Erzählung von Herrn Demand über die Kunstkritik. Er legt eine wunderbare Fallenschlinge aus, in die man als Kunsthistorikerin ohne Zweifel gerne hinein geht und dann so schnell nicht wieder hinauskommt. Demand schreibt: „die Anschaulichkeit der Kunst (erhält) einen ganz neuen Stellenwert: sie nämlich bewahrt offenbar jenes Moment des Objektiven, das das begriffliche Denken notwendig verfehlen muss.“ (Demand, 2003, S, 241) Über diesen Satz habe ich mich so gefreut! Gibt es etwas Fundierteres als das Wesen, die eigentliche Aufgabe der Kunst derart zu erfassen? Denn, verehrtes Publikum und liebe Britta, folgen wir diesen Überlegungen, dann sind Andrea und Andreas, der Drilling, der Anstand, Lazarus und Entrückt und auch ältere Werke von Dir wie zum Beispiel Vereinsheim objektive und klare Schilderungen unseres gegenwärtigen und vergangenen Lebens. Und wünscht man sich nicht inständig angesichts der bodenlos überhandnehmenden Meinungen und äußerst empfindlichen und diffizilen Gefühlslagen vor allem mehr Objektivität und Klarheit? Allerdings müsste ich jetzt weiterhin und sofort schweigen, denn das begriffliche Denken verfehlt ja diese Kunstwerke und ihre objektive Realität. Und Sie müssten sich nun entschieden ab- und sich den Werken zuwenden und der stummen Kontemplation hingeben.

Cut / Schnitt. Neue Szene
Ich finde einsame Museumsbesuche und zudem schweigsame unerhört langweilig. Ich bin davon überzeugt, dass das Sprechen vor den Werken dazu führt, dass man sie klarer und deutlicher sieht. Insofern ist diese Rede im Grunde genommen das Protokoll einer Unterhaltung. Die Aufzeichnung eines möglichen Gesprächs zwischen Ihnen, dem Publikum und mir, die ich Ihnen die Werke von Britta Hansen vorstellen, in ihre Welt hinführe. OHA.

Jemand aus dem Publikum mischt sich ein und reagiert auf die Behauptung, Britta Hansens Kunst sei die wahrhaftige und objektive Schilderung von Alltagszenen. Wir hören eine leicht gereizte Stimme: Ich möchte dringend ergänzen und korrigieren: die sehr eindrücklichen Reliefs von Frau Hansen sind natürlich in ihrer gegenständlichen und sehr differenzierten Ausarbeitung objektiv, sie sind aber auch gerade deshalb so überzeugend lebendig, quasi atmend und sich bewegend, weil sie als künstlerische, selbstverständlich auch eine sehr subjektive und emotionale Sicht auf die Welt zeigen. Ich sehe beispielsweise in dem Relief Entrückt eine solche Lebendigkeit und hinreißende Komik in den Gesichtern und vor allem in der erwartungsvollen Haltung der zwei Kunstbetrachterinnen, dass ich doch gar nicht anders kann, als dies dem subjektiven Ausdruck und künstlerischen Gefühl von Frau Hansen zuzuschreiben.

Ich muss noch etwas anschließen, liebe, verehrte Dame, das mit dem "begrifflichen Denken", das die Objektivität verfehle, das ist doch ein furchtbares Geschwurbel, oder? Die Titel, die Frau Hansen für ihre Werke wählt, zeigen uns offensichtlich, dass sie als Künstlerin mit Sprache arbeitet, mit Namen oder Begriffen, die die Wahrnehmung noch etwas weiten und verändern können. Nehmen wir Andrea und Andreas, ein Relief, das auf eine Szene in Amalfi zurückgeht. Beobachtet wurde sie vor dem Brunnen des heiligen Andreas, dem Apostel, der als einer der Jünger Jesu am diagonalen Kreuz gestorben ist. Direkt vor dem Brunnen also, mit dem Andreas als Schutzheiliger Amalfis geehrt wird, ein sommerlich gekleidetes Paar. Andrea, im kurzen Trägerkleid mit Leoparden Muster, steht mit dem Rücken zum Brunnen, verführerisch die Beine gekreuzt, wir sehen hinter ihr die Figurenlandschaft des unteren Brunnenteiles. Andreas wiederum wendet uns den Rücken zu und fotografiert seine Freundin. Mit dem Namen Andreas wird ein subtiler Hinweis gegeben, eine Erinnerung ermöglicht, denn der gekreuzigte Heilige bleibt auf diesem Relief für uns unsichtbar. Das Memento dieses Namens aber ruft uns zu: Immer ist alles begrenzt durch vieles, das völlig außerhalb unserer Macht liegt. Begrenzt ist das ausgelassene, sinnenfreudige Leben, wie es die Putten und eine durch ihre Brüste wasserspendende weibliche Gestalt im unteren Brunnenteil verkörpern. In diese selbstvergessene Feier des Wassers und des Lebens schießt der moderne Andreas, ausgestattet mit den Insignien der Teilhabe am modischen Zeitgeschmack, Vuitton! sein Foto von Andrea.

Die Perspektive, in der Britta Hansen den muskulösen, stämmigen Körper in die Szene schiebt, verwandelt Andreas in eine Festung. Eine Festung, die in sich selbst vergraben ist. Andreas hält die Welt und auch seine Freundin auf Abstand. Durch die Sonnenbrille und die Kamera erlebt er nicht Anschauung, sondern den schnellen Klick, den Klick, der die modebewusste Flip-Flop Trägerin festhält, genau in dem Moment, indem sie ihr schickes Eis seinem Smartphone präsentiert. Eine Geste, die mit derjenigen der wasserspendenden Fruchtbarkeits Allegorie im Brunnen korrespondiert, welche ihre Brüste leicht anhebt. 

Ich gebe also gerne zu bedenken, dass in diesem Relief, Geschichte und Gegenwart, Schwarz-Weiß und Farbigkeit, genaueste anatomische und physiognomische Darstellung und großzügige sinnvolle Abstraktion, mahnende Vergänglichkeit und verschwenderische Gegenwart auf künstlerische Weise präsent und unauflösbar verbunden sind. Diese Verbindung wäre gar nicht möglich ohne begriffliches Denken, ohne Namen der Geschichte und der Religion. Sie sind Teil des Kunstwerks, ebenso wie die schiere physische Präsenz von Andrea und Andreas und die sie umgebende Atmosphäre von bedingungslosem Erlebnis-Hunger. Entschuldigen Sie Frau Köhler, sagt die Publikumsstimme, Sie sollten doch hier sprechen, ich wollte ja eigentlich nur ergänzen und dann wurde das Ganze so ausführlich. 

In das sich anschließende Schweigen klingt plötzlich eine weitere Stimme aus dem Publikum. Sehr aufgeräumt, bestimmt und ohne jedes Zögern vorgebracht, hören wir folgendes: Ich möchte danke sagen für diese augenöffenden Worte, aber trotzdem fehlen einige Teile des Interpretations-Puzzles. Ich darf doch die Annäherung an die Werke von Frau Hansen so nennen. Darauf erhebt sich Protest aus dem Publikum, man hört Zwischenrufe, unter anderem ein ungehaltenes, was fehlt denn jetzt noch und da fällt einem nix dazu ein, vor allem, aber ruft jemand laut: Warum gehen wir nicht endlich jeder für sich zu den Werken – das war doch ein super Vorschlag – und schauen? Schauen selbst an, was da ist. Doch der selbsternannte Puzzle-Leger bleibt hartnäckig: Verehrte Gäste, es ist wirklich wichtig, ich möchte Ihnen für Ihre spätere Betrachtung der Kunstwerke stellvertretend eine Person vorstellen, die im Relief Andrea und Andreas eine eigentümliche Rolle spielt. Am Rande und hinter dem Brunnen, wir sehen nur seinen Oberkörper, gibt es einen Beobachter der Szene. Er sitzt dort im Hintergrund und schaut unverhohlen dem Paar Zweitanz zu. Und er gähnt, kann trotz erhobener Hand die Öffnung des Mundes nicht verbergen. Ist es zu heiß? Wiederholen sich die Szenen so oft, dass man es einfach nicht mehr anschauen mag? Oder ist er einfach müde, weil die letzte Nacht zu kurz war? Ich weiß es nicht. Vieles ist denkbar. Vor einigen Minuten konnte ich noch ein Gespräch verfolgen, in dem Frau Hansen erwähnte, dass die Fotografie, also das Skizzieren einer Szene mit der Kamera des Smartphones eine wichtige Grundlage für die Komposition der Reliefs darstellt.

Allerdings und das ist entscheidend: die Künstlerin komponiert für die spannungsvolle und unsere Wahrnehmung fokussierende Darstellung verschiedene Eindrücke, unterschiedliche Perspektiven derselben Szene. Letztlich entsteht also eine neue Erzählung auf der Grundlage von Dokumentation und Beobachtung und natürlich ihrer ganz persönlichen Empfindung dieser Szenen. Es entsteht etwas, das man vielleicht fiktionale Sachlichkeit nennen könnte. Und das immer wiederkehrende Thema dieser neuen Erzählungen von Britta Hansen ist die comédie humain, die menschliche Komödie, wie Honoré de Balzac seinen zugleich realistischen und mythologischen Romanzyklus im neunzehnten Jahrhundert betitelte. Diese Comédie humain – deren Stimmung zwischen dem Komischen, Traurigen, dem grotesken und zauberhaften immer hin und her geht – wird auf den Bühnen unseres sozialen Lebens aufgeführt, den Plätzen, Bahnhöfen und Straßen, sie findet statt in den Cafes und Theatern. Und diese menschliche Komödie braucht natürlich Zuschauer. Ein Zwischenruf aus dem Publikum stoppt den Redefluss: Kommen sie bitte zum Punkt, was ist jetzt mit dem Beobachter am Brunnen? Ein kurzes etwas beleidigtes Schweigen, ein Räuspern und dann:

Eigentlich ist alles gesagt, wenn wir vor dem Relief stehen, schauen wir auf eine Szene, die uns die Künstlerin so zusammenstellt, dass sie dicht, spannend und einladend ist, wir gähnen natürlich nicht, und insofern ist der gähnende Beobachter sozusagen die Antithese zum aufmerksamen Betrachter aber auch die Antithese zur konzentrierten Aufmerksamkeits-Arbeit der Künstlerin. Was ich damit meine, möchte ich abschließend mit einer These verbinden, die ich vor kurzem erst kennengelernt habe, sie stammt aus dem bereits von Frau Köhler zitierten Buch des Herrn Demand. Hören Sie und staunen Sie, wenn Herr Demand den britischen Kritiker und Kurator Roger Fry zu Wort kommen lässt:
'Mit einer bewundernswerten Ökonomie, lernen wir, nur so viel zu sehen, wie für unsere Zwecke nötig ist; aber das ist in Wahrheit nur sehr wenig, gerade genug, um Objekte und Personen zu erkennen, die dann in unserem geistigen Verzeichnis katalogisiert und recht eigentlich nicht mehr gesehen werden. Im wirklichen Leben liest ein normaler Mensch in Wahrheit sozusagen nur die Etiketten, die sich auf den, ihn umgebenden Objekten befinden, und kümmert sich nicht weiter um sie. Fast alle Dinge streifen diese Tarnkappe über und werden mehr oder weniger unsichtbar.' (Roger Fry, 1909 nach Demand, 2023, S.245)
Der gähnende Beobachter am Brunnenrand, so meine ich entsprechend, sieht nicht Andrea und Andreas, sondern nur die Etiketten dieser Szene. Sexy, sexy, das kurze Kleidchen und das, was drinsteckt, wowwow die Sonnenbrille, gut trainiert der Body, das Eis würde mir auch schmecken. Und so weiter und so weiter. Britta Hansen aber hat die Tarnkappen von den Menschen und den Dingen heruntergezogen und da sind sie nun.

In der aktuellen Kunstproduktion ist die Auseinandersetzung mit dem keramischen Relief als autonomes Bild absolut außergewöhnlich. Eigentlich verwunderlich, denn das keramische Relief ist zugleich Bildträger und Bild, es ist plastisch, malerisch und wirkt in Brittas Hansens Bearbeitung ausgesprochen zeichnerisch, linear. Es ist im Maßstab sehr verkleinert aber durch die Materialität lebendig und präsent, wie eine kleine Bühne, in die man schaut und entdeckt. Und: wir finden uns selbst in den Protagonisten, wir spiegeln uns in ihnen, natürlich nicht in Gänze, aber ein kleines bisschen Andrea … ein kleines bisschen Andreas, ein bisschen Verrückt, ein bisschen Vorsitz … Nicht, dass wir sie wirklich wären, aber wir könnten sie sein. Wir spiegeln uns auch im Obdachlosen, der wiederum Lazarus spiegelt. Wir könnten woanders sein. Woanders und jemand anders durch eine leichte Verschiebung unserer Biographie, unserer Wege.

Plötzlich ist es sehr still. Das mit den Tarnkappen ist ja ziemlich gut, sagt jemand. Und jemand lacht. Dürfen wir jetzt endlich An-Schauen? Ja! Dürfen Sie, Sollen Sie. Danke.

 



Kiel, 09.11.2023

 



Prof. Dr. Bettina Köhler
Freie Autorin. Architektur - Kunst - Design
Independent author. architecture - art - design

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