Fortuna in der Gesellschaft der Glückssucher

von Dr. Hans-Werner Schmidt
im Katalog "Ceramica Borealis"
2018

 


 

Wäre ich angehalten, einen lexikalischen Beitrag zu Britta Hansens künstlerischer Arbeit zu verfassen, so könnte dieser wie folgt lauten:

"Seit 1991 arbeitet Britta Hansen mit glasierten Keramiktafeln als Bildträger. Im quadratischen Format erinnern sie an Kacheln. In größerer Dimension erscheinen die Stücke wie voluminöse, an der Wand hängende Bildkörper. Die Form der Brosche oder des Medaillons wahrt die Intimität der Szenerien.

Man trifft auf paradiesische Zustände, in denen sich biblisches und antikes Personal zu begegnen scheinen, wo Eva als Quellnymphe und Adam amorgleich daherkommt. Auch die Ovidschen Metamorphosen bilden einen visuellen Resonanzraum. Doch es ist nicht eindeutig der locus amoenus oder das mit Sehnsüchten behaftete Eiland Kythera. Der amouröse Reigen kann auch in den wohnlich eingerichteten Vier-Wänden stattfinden. So wie dort Figuren in unwahrscheinlich anmutenden Beziehungsgefügen zusammenkommen, so fließen auch die Formen und Bildsprachen zusammen. Pompejanische Wandmalerei trifft auf rokokoeske Galanterien in einem Ambiente, in dem Alltagskultur als Pop-Art Objekt-Kultur Zeichen setzt.

Die Keramik steht für eine "bodenständige" Bildträgerschaft, wobei die glasierten Elemente wie die Nobilitierung von hervorgehobenen Akteuren wirken.

Narratives und Dekoratives stehen in einem ausgewogenen Gefüge zueinander. Das Amourös-Spielerische artikuliert sich in den letzten Jahren auch im Bereich der Kleinskulptur."

 


 

Wenden wir uns nach dieser generalisierenden Sicht einzelnen Arbeiten zu, die nach der Jahrtausendwende entstanden sind und die das Spektrum in seiner materiellen Dimension wie auch im cross-over der Themen erweitern. In den letzten Jahren sind neben den auf die Wand bezogenen Werken Objekte hinzu getreten, die unter dem Gattungsbegriff "Kleinskulptur" ihre Verortung erfahren. Verspielt in der Form, Üppigkeit in der Detailgestaltung nicht scheuend und Themen aufgreifend, die Allegorisches amourös einkleiden, weisen sie ein entferntes verwandtschaftliches Verhältnis zu barocken Tischskulpturen auf.

Da begegnet uns "Fortuna" (2004, Keramik, glasiert, bemalt) – frei nach Albrecht Dürer auf einer Kugel balancierend, nein: bei Britta Hansen ist die gläserne Kugel von einem durchbrochenen Keramikschirm überwölbt. Die vermeintliche Nähe hierbei zum Zuckerbäckerberg nimmt sie gern in Kauf, gehören doch Gestaltungselemente aus dem leicht eingänglichen Zierrat zu ihren Repertoire. Fortuna thront standfest über dem instabilen Glückssymbol und trägt selbstsicher die Büchse der Pandora vor sich her. Das mögliche Unglück scheint gebannt. Hansen fasst die weiße Figur mit einer roten Lineatur, der Figurenauffassung von Jean Dubuffet nicht unähnlich, der anstelle einer plastischen Differenzierung mit einem linearen Markierungssystem arbeitet. In dieser Markanz und vor allem in ihrer Standhaftigkeit, mit der sie die Launen des Glücks überwunden zu haben scheint, glaubt man die Figur eher als die Siegesgöttin Nike deuten zu können.

Britta Hansen kann ihre gestaltenden Hände nicht vom Glück lassen. Ein Zitat aus Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" ist sowohl der sich drehenden Karussellscheibe wie auch dem überwölbenden Dach eingeschrieben: "Alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher" (2010, Keramik, glasiert).

Und wieder begegnen wir Fortuna: dieses Mal im Zentrum des Karussells, umgeben von Ur-Viechern, Wild- und Haustieren. Ein Kamel und ein Elefant kreisen um die Glücksgestalt, ein Löwe gesellt sich dazu, ein Hase klemmt sich in ein Auto, ein Igel in einen Sportwagen – und dazwischen behauptet sich ein Motorradfahrer. Es herrscht ein geordnetes Durcheinander, wie bei einem Kinderkarussell beim Zwischenhalt. Fortuna trägt einen Rock, dessen Saum räderbesetzt ist. Alles scheint hier im steten Bewegungsmodus zu sein. Dabei vereint das Karussell zwei Bewegungsmodi. Es ist die fortlaufende Bewegung im Kreislauf und somit der dynamische Stillstand. So kann es sich auch auf der Suche nach dem großen Glück verhalten. Es gibt eine chimärenhafte Orientierung vor, motiviert ein ruheloses Sich-darauf-zubewegen; doch es bleibt eine nicht zu packende Imagination, die eine Blindheit befördert für das reale, greifbare Wohl. Sicherlich gibt der Motorradfahrer Vollgas im Leerlauf, berauscht er sich am Getöse des Motors, ist hypnotisiert von dem unter den Rädern fliehenden Asphalt – und verliert dabei das Glück des Augenblickes aus dem Sinn.

Weniger exponiert als Fortuna sind andere Figuren aus dem Reich der Mythen. Eine Venus hat sich in ihren Tempel zurückgezogen ("Monopteros", 2008, Keramik, Spiegel, Glas, Acrylglas).

Die Rundfassung des niedrigen Gebäudes wirkt wie ein Flechtwerk aus teigigen Bändern. Die dahinter sitzende nackte Gestalt im Schneidersitz begegnet uns mit entrücktem Blick. Ihre Gestalt und der sie umgebende Raum sind in ein gelbes Licht getaucht. Auch hier wird der Raum überkuppelt. Hansen setzt dafür eine gesandstrahlte Schüssel ein, unter der sich die Leuchtkörper für die Illumination verbergen. Venus findet sich so in einer "Sandwich"-Position. Ein Schriftzug an der Decke wird von einem Bodenspiegel aufgenommen. Der über ihrem Haupt angebrachte Text lautet in Spiegelverkehrung "Er liebt mich / Er liebt mich nicht" – was zu ihren Füßen seitenrichtig aufscheint. Die Frage, auf die es so schwer ist, eine Antwort zu finden, wird so zu einem visuellen Echo. Die mögliche Antwort ist gleichsam in einem Glockenraum aufgehoben, erscheint in der Seitenverkehrung wie ein diffuser, sie betäubender Klang, der sich wie ein Spiegelbild der Fassbarkeit entzieht. Des Rätsels Lösung kann Venus nicht handhabbar werden.

Bei "Jagdgeflüster" (2004, Keramik, glasiert) begegnen wir einem schwammerlartigen Gebilde. Der vegetabile Wuchs trägt einen netzartigen Schirm. Darunter begegnen sich ein nackter Mann und ein Hund in andächtigem Zueinander. Die zugewandten Blicke zeugen von Vertrautheit. Tier und Mensch begegnen sich auf Augenhöhe. Doch dieser Mensch hat Verwandte im Tierreich. Sein Haupt krönt ein Hirschgeweih. Er erscheint somit als Jäger wie auch als Gejagter, und sein Jagdhund begegnet ihm so in einer Doppelrolle – als Begleiter und potenzieller Verfolger. Doch die Szenerie unter bläulichem Licht, den Schein des Vollmondes suggerierend, vermittelt den Eindruck friedlicher Koexistenz. Vollkommen unaufgeregt begegnen sich die Gestalten, denn im Flüsterton artikuliert sich Nähe, letztlich Seelenverwandtschaft.

Britta Hansen versteht es mythologische Stoffe aufzugreifen und ihnen im Verlauf eine Kehrtwendung zu geben. Erinnert sei hier an Aktaeon, der durch das Unterholz streifend auf die nackte Diana mit ihren Nymphen beim Baden trifft. Die Strafe folgt zugleich: Der unfreiwillige Voyeur wird durch göttliches Gericht in einen Hirsch verwandelt und auf der Stelle von seinen – bis dahin treuen – Jagdhunden zerrissen. "Jagdgeflüster" setzt auf gegenseitiges Verstehen, abgeschirmt von Instanzen, die sich als Gralshüter der Moral verstehen und Strafe als Rache auslegen.

Humor ist bei Britta Hansen meist fein nuanciert, ein Ferment, das die Werke mit einer Amüsementkomponente anreichert. Sie versteht es zudem, die Dosis zu erhöhen und kommt so zu Objekten, die für sich die Eigenart der Karikatur beanspruchen können. "Kreuzfahrt" ("Kreuzfahrt I" und "Kreuzfahrt II", 2014, Keramik, glasiert, bemalt) zeigt Paare, die in ihrer Anatomie wohlstandsbedingt aus der Form geraten sind und in Körper- und Seelenpflege Entspannungsritualen huldigen. Kreuzfahrten versprechen den Urlaubern die Weite der Welt bei gleichzeitigem Eintauchen in die maritimen Verwöhnarenen. Schablonen von Luxus umstellen die Touristen, die an Bord in einen strengen Ablaufplan eingetaktet sind. So genießt man in der ozeanischen Weite den Aufenthalt im Zweisamkeitspool – oder das Kreuzen auf den Weltmeeren regt an, sich einem Kreuzworträtsel zu widmen, wobei das Weltwissen in ein unverrückbares Kastensystem gebannt wird. In ihren Figuren stilisiert Hansen die Geschlechter, wie man es oft in ihrem Werk antrifft. Männer erscheinen als stolze Gockel oder beleibte Bulldoggen, während deren weibliches Gegenüber in den Schönheitsschlaf oder in das eigene Lustempfinden versunken scheint.

Das Thema "Kreuzfahrt" bietet sich an, Exkursionen in den Bereich der Tierfabel zu unternehmen, wo man sicherlich auf historische Vorbilder für Britta Hansens Mensch-Tier-Ensembles trifft. Die tierischen Analogien sind eine Form der Narration, die in Bildern menschliche Parallelwelten aufscheinen lassen. Das tierische Schauspiel kann auch mit Herrn Müller und Frau Meier besetzt werden.

Britta Hansen bietet uns Schaustücke, szenische Darbietungen in einer Konzentration, für die die Beschreibung "Blickfang" trefflich erscheint. Eben dieser macht den Augenblick zur Augenweide.

© foto & design: perlbach fotodesign

© 2019 Britta Hansen