Grotte und Jagdgeflüster

von Prof. Dr. Dr. h.c. Lars Olof Larsson
im Katalog "Ceramica Borealis"
2018

 


 

"Grotte" nennt Britta Hansen eine Arbeit, die dank ihrer Komplexität eine besondere Stellung in ihrem Oeuvre einnimmt und gleichzeitig einen guten Einstieg in ihre Kunst bietet. Äußerlich gesehen handelt sich um einen terrineähnlichen Behälter mit einem Deckel, nur dass die Wand der Terrine durchbrochen ist und aus einem Geflecht von amorphen Formen besteht, die eher an skurrile Felsen oder an die gewachsene Umgrenzung einer Laube erinnert als an die Wandung eines Gefäßes. Der rokokohaft gewölbte Deckel ist aber "echt", ein weißglasierter Porzellandeckel mit einer vergoldeten Weinlaubranke als Randornament. Es ist ein elegantes Fundstück, Form und Material wecken Assoziationen an die Welt des Ancien Régime. So rustikal die Grotte also auch anmuten mag, in der Verbindung mit dem Porzellandeckel erhält sie eine verspielte Note, die an die Gartengrotte eines Rokokoparks, an ein lauschiges Versteck höfischer Liebespaare denken lässt.

In der Grotte, die von einem warmen Licht erhellt wird, entdecken wir nun ein Liebespaar, zwei liegende nackte Figuren in zärtlicher Zwiesprache, und beim zweiten Blick sehen wir auch, dass die beiden nicht allein sind; eine Katze und ein Ziegenbock leisten ihnen Gesellschaft, und von einem Baum kriecht eine große Schlange herunter. Spätestens jetzt nehmen wir auch den Apfel in der Hand der Frau wahr; es handelt sich um die Urszene der Menschheit, um Adam und Eva beim Sündenfall. Unter dem Schutz des Porzellandeckels und dank der flüchtigen, fast naiven Modellierung der Figuren strahlt die Szene allerdings eine paradiesisch verspielte, kindliche Unschuld aus, die alle Anzüglichkeiten vergessen lässt, die Darstellungen dieses Motivs sonst oft würzen. Die Szene lässt auch keine Gedanken an die Folgen des Sündenfalls aufkommen; wie könnte jemand dieses glückliche Paar aus dem Paradies vertreiben wollen? Ein Vergleich mit dem unmittelbaren Vorbild der Szene, einer Darstellung des Sündenfalls von dem holländischen Kupferstecher und Maler Hendrik Goltzius aus dem frühen 17. Jahrhundert (die Britta Hansen auch sehr originalgetreu als polychrome Zeichnung auf eine Keramikplatte übertragen hat), lässt die Unschuld dieses Sündenfalls deutlich erkennen.

Formal gesehen gibt die Verbindung von exquisit glasiertem Fundstück und scheinbar nachlässig modellierter, rau belassener Laube und Figurenszene dem Kunstwerk seinen besonderen Charakter. Dieser Kontrast ist in sich schon wirkungsvoll, birgt zudem aber auch Zwischentöne, die den ästhetischen Reiz erhöhen. Die Künstlerin hat die Grotte zunächst weiß glasiert, um sie an das Fundstück anzugleichen. Mit dem Ergebnis unzufrieden ließ sie die Glasur durch Sandstrahlen wieder entfernen, wobei in den Vertiefungen noch Reste geblieben sind. Ihr diskretes Reflektieren belebt die Oberfläche und schafft einen differenzierten Übergang zum glatten Glanz der Porzellans. Kein Fundstück, wie der Deckel, aber ein Zufallsfund im Arbeitsprozess, der wie jener zum integralen Bestandteil des Werkes wurde und es bereichert.

Eine eigenwillige und von Empathie geprägte Umdeutung eines Mythos' begegnet uns ebenfalls in dem Objekt "Jagdgeflüster" von 2004. Auch hier sind die Figuren in einem Gehäuse eingeschlossen, das an eine Laube denken lässt. Die Wandung scheint aus knorrigen, krumm gewachsenen Baumstämmen zu bestehen; überwölbt wird die Laube von einer flachen Kuppel aus Flechtwerk; man kann an ein kunstvolles Treillage denken, wie wir es aus den Barockgärten kennen. Auch hier führt uns die Szene also in die Welt der höfischen Gärten – und auch hier schafft die scheinbar flüchtige Modellierung eine freundlich-ironische Distanz zum Motiv und vermeidet es gleichzeitig, uns als Betrachtende auf eine bestimmte Interpretation der Gestalten festzulegen.

In der Laube entdecken wir einen sitzenden nackten Mann, vor ihm ein ebenfalls sitzender Hund. Die beiden blicken sich ernst in die Augen. Der Titel "Jagdgeflüster" könnte auf eine idyllische Zweisamkeit zwischen Jäger und Hund deuten, wäre da nicht die Kopfbedeckung des Mannes: er trägt ein Hirschgeweih auf dem Kopf. Dieses Motiv kommt in Britta Hansens Kunst häufig vor. Es lässt vordergründig an Machotum denken, so scheint es bei ihr aber nie gemeint zu sein, es sei denn in ironischer Brechung. In "Jagdgeflüster" wären solche Assoziationen auf jeden Fall verfehlt. Das zeigt schon die wenig heroische, man könnte fast meinen: resignierte Haltung des Mannes. Das Motiv weist hier auch über die private Bilderwelt der Künstlerin hinaus. Die Konfrontation eines Jägers, dem ein Hirschgeweih auf dem Kopf wächst, mit einem Hund lässt an eine mörderische Szene aus der antiken Mythologie denken: an den Jäger Aktaeon, der in einen Hirsch verwandelt und von seiner Meute zerfleischt wird als Strafe dafür, dass er versehentlich die keusche Göttin Diana und ihre Nymphen beim Baden überrascht hat. Genauer betrachtet ist es ein Thema mit abgründigen erotischen Dimensionen. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, in der Haltung des Jägers und in seiner Zwiesprache mit dem Hund einen Zug von Trauer sehen zu wollen: Reflektiert er sein Schicksal? Erkennt er die Fragilität der Freundschaft zwischen Mensch und Hund, die Fragilität der Liebe?

Überfrachten solche Interpretationen nicht das Kunstwerk? Das kommt darauf an, wie man sie versteht. Sie gleich zu setzen mit vermuteten Intentionen der Künstlerin wäre sicher falsch. Genau so falsch wäre es allerdings zu meinen, dass die vielen formalen und inhaltlichen Bezüge in ihren Arbeiten zu Künstlern wie Goltzius, in deren Kunst die antiken Mythen und die Geschichten der Bibel Hauptinhalte und nicht bloßer Vorwand waren, nichts zu bedeuten haben. Zwar scheinen die raffinierten und nicht selten auch abgründigen Erotizismen, die zum eigenwilligen Reiz der Werke eines Goltzius beitragen, der Künstlerin Britta Hansen fern zu liegen, die Ironie und eskapistisch anmutende Heiterkeit hat sie sich aber zu eigen gemacht und die Melancholie, die hinter dem arkadischen Treiben lauert, kennt ihre Kunst auch.

© foto & design: perlbach fotodesign

© 2019 Britta Hansen